HEINRICH BAUER

Hauptstraße um 1908
Hauptstraße um 1908
Hauptstraße 1936
Hauptstraße 1936

 

In diesem Haus in der Hauptstraße 19 in Besigheim lebte Heinrich Bauer. Das Foto stammt aus dem Jahr 1908. Das zweite wurde um 1936 aufgenommen.

 

Die älteren BesigheimerInnen erinnern sich noch sehr gut an den Laden der Familie Bauer. Explizit an Heinrich Bauer erinnert sich nur ein einziger Bürger. Schreiner Roth erinnert sich, dass er als Kind gesehen hätte, dass Heinrich ein Radiogerät in die Enz geworfen hätte.

 

Heinrich Bauer wurde als erstes Kind der Familie Bauer am 12. Januar 1909 in Besigheim geboren. Ihm folgten noch fünf weitere Geschwister.

 

Seine Eltern betrieben ein Geschäft in der Hauptstraße 19. Was genau es in diesem Laden so um 1910 zu kaufen gab, wissen wir leider nicht. Später dann, als eine Schwester von Heinrich nach dem 2.Weltkrieg den Laden führte, war es ein Kurzwarenladen. Es gab aber auch Bettwäsche und im Keller fand Familie Brixner (die heutigen Besitzer von Haus und Laden) eine Vorrichtung um Federn in Bettdecken zu füllen. Frau Brixner erinnert sich noch, mal eine Turnhose bei Lydia Bauer gekauft zu haben. Ein Zeitzeuge berichtet, dass im Laden auch Bibeln zum Verkauf angeboten wurden.

 

 

 

 

Georg Balthasar Bauer      

*1807   † 1881               1858

Wundarzt

    Marie geb. Gackenheimer

*1832   †1908

 

 

 

 

 

 

 

 

                               Gotthilf Bauer                 Rosine Karoline geb. Günther

                               *1872                1908        *1879  †1937

 

 

 

 

 

 

Heinrich

*1909 †1940

Friedrich

*1910  †1910

Johannes

*1911  †1976

Ernst

*1913  †1931

Lydia

*1916  †1980

Martin

*1918  †1945

 

 

 

Die Eltern von Heinrich haben im April 1908 in Besigheim geheiratet. Heinrichs Mutter war die 1879 in Besigheim geborene Rosine Karoline Günther.  Rosine Karoline Günthers Vater, August Günther,  war Kaufmann in Besigheim. Ihre Mutter war eine Marie geborene Hetzel. Sie entstammte der Besigheimer Seifensiederfamilie Hetzel. Schon diese Familie hatte ihre Werkstatt im Haus Hauptstraße 19. Marie erbt 1871 das Haus.

 

Laut Häuserbuch der Stadt Besigheim war das Haus  Hauptstraße 19 schon im 17. Jahrhundert vorhanden. Zum Haus Nr. 220 gehörte noch ein Stall mit Werkstatt gegenüber an der Stadtmauer. Das Haus lag  einst „ zwischen den zwei Toren“ des ehemaligen Aipertores. Ab 1660 wird das Haus oft verkauft und vererbt. 1761 kauft Metzger und Stadtrat Georg David Hetzel das Anwesen. 1789 wird das Haus umgebaut. „David Hetzel vergrößert Küche und Keller und lässt ein paar Kammern schleißen…“. 1802 baut der Sohn Siegmund Friedrich Hetzel eine Seifensiederwerkstatt ein.

 

Schließlich erbt Marie Sophie, Ehefrau des Kaufmanns August Günther,  1862 das Anwesen: „Nr.220 – zweistockiges Wohnhaus mit gewölbtem Keller, Höfle, Winkel mit Nr. 265 gemeinschaftlich, Stadtmauer nordöstlich, Stadtmauer östlich, auf der Enzseite, am Torrain, neben der Allmand und dem Garten. Nr.220A – ein zweistockiger Flügel, an das beschriebene Haus angebaut. Nr.220B – eine an Nr. 200 angebaute Seifensieder-Werkstatt. Nr. 220C – ein Holzstall, zweistockig, Höfle nördlich, an der Stadtmauer, gegenüber dem Haus, neben Johanne Haas“.

 

1873 „wurde das Wohnhaus und der angebaute Flügel beseitigt und durchaus neugebaut und um 1-2 Stock erhöht, auch neue Wohngelasse und ein Kaufladen eingerichtet“.

 

 

 

Gotthilf Bauer und Rosine Karoline haben 1908 in Besigheim geheiratet. Im Jahr 1911 erhielt Gotthilf Bauer per Ratsbeschluss das Besigheimer Bürgerrecht verliehen. Die Familie Bauer scheint auch zu den wohlhabenderen Familien in Besigheim gehört zu haben. Gotthilf Bauer wird in einem „Verzeichnis der Personen mit über 2000 Mark Einkommen 1912/1916“ namentlich erwähnt.

 

Das Ehepaar Bauer hatte 6 Kinder, die alle in Besigheim geboren, getauft und konfirmiert  wurden und auch die Volksschule besuchten.

 

  1. August Heinrich Gotthilf, geboren am 12. Januar 1909. Laut Mitteilung vom Standesamt Sonnenstein in Sachsen am 31. Juli 1940 dort verstorben. Tatsächlich wurde Heinrich Bauer am 16. Juli 1940 von der Heilanstalt Weinsberg nach Grafeneck deportiert und dort noch am selben Tag vergast.

  2. Friedrich Johannes, am 27. Juni 1910 in Besigheim geboren, am 31. Juli 1910 in Besigheim verstorben

  3. Gottlob Johannes Karl, geboren am 8. Juni 1911 in Besigheim, am 18. Februar 1976 in Weinsberg verstorben

  4. Ernst Friedrich Gotthilf, am 23. April 1913 in Besigheim geboren, am 5. Juni 1931 in Weinsberg verstorben

  5. Eleonore Maria Lydia, in Besigheim am 31. März 1916 geboren und am 1. Januar 1980 in Besigheim verstorben

  6. Martin Christian, am 8. April 1918 in Besigheim geboren, am 11. Juli 1945 in Weissenau verstorben

     

 

Aus den Meldekarten der Stadt Besigheim geht hervor, dass alle Kinder häufig in Besigheim Hauptstraße 19  an- und abgemeldet wurden.  Leider ist nur noch teilweise nachvollziehbar aus welchen Gründen.  So waren zum Beispiel alle Kinder (außer Friedrich) kürzer oder länger in der Heilanstalt Weinsberg.  Zumindest ein Sohn war im Bruderhaus in Schernbach. Zeitzeugen berichten, dass die Familie Bauer sehr gläubig war. Hausmusik wurde großgeschrieben. Aus einer Hausliste des Jahres 1938 geht hervor, dass Gotthilf Bauer mit Sohn Johannes und Tochter Lydia, nebst dem Dienstmädchen  Martha Müller, im ersten Stock gewohnt haben. Im zweiten Stock wohnte Familie Sommer. 1938 wohnte Heinrich Bauer also nicht mehr im Haus Hauptstraße 19.

 

 

 

Auf der Meldekarte der Stadt Besigheim (Stadtarchiv) finden sich folgende Einträge:

 

Bauer, August Heinrich Gotthilf

 

*12. Januar 1909  Geburtsort: Besigheim

 

gestorben am 31. Juli 1940 in Sonnenstein in Sachsen

 

evangelisch, ledig, deutsch

 

Arbeitgeber: Gewerbebank Besigheim (nachträglich durchgestrichen)

 

Beruf: Banklehrling (durchgestrichen) Kaufmann, zu Hause

 

Wohnung: Hauptstraße 19

 

Vater: Gotthilf Bauer, Kaufmann

 

Mutter: Rosine, geb. Günther, Besigheim

 

weggezogen am 20. Mai 1935 nach Durlach-Aue

 

zugezogen am 28. August 1935 von Durlach-Aue

 

 

 

…in den Akten der Heilanstalt Weinsberg  (Staatsarchiv Ludwigsburg):

 

Nervenklinik Tübingen:

 

1.Aufnahme am 15. Mai 1928 / Austritt am 14. August 1928 „nach Hause“

 

Diagnose: Hebephrenie

 

2. Aufnahme am 22. August 1930 / Austritt am 5. November 1930 „nach Hause“

 

Diagnose: Hebephrenie

 

 

 

 

 

Heilanstalt Weinsberg:

 

Aufnahmebuch Nr.2810 Jahrgang 1931

 

Bauer, Heinrich

 

Beruf:  Kaufmann

 

Versorgungsklasse III

 

Evangelisch, ledig, ehelich geboren

 

Wohnort: Besigheim

 

Staatsangehörigkeit: Württemberger

 

Geburtstag: 12. Januar 1909

 

Alter: bei Erkrankung: 19 Jahre, bei Aufnahme 22 Jahre

 

Aufnahme am 18. März 1931 zum 1. Male auf Ansuchen der Angehörigen

 

Austritt den 11. Juni 1934, gebessert, versetzt nach Hause

 

Diagnose: Schizophrenie

 

Erblichkeit   + (geisteskrank: Mutter, Verwandte des Vaters, Verwandte der Mutter)

 

Körpergewicht  57,0 kg

 

Körperlänge  1,75 m

 

Augenfarbe  blaugrau

 

Haarfarbe  dunkelblond

 

Hautfarbe  blass

 

 

 

 

 

Aufnahmebuch Nr.3307 Jahrgang 1935

 

Bauer, Heinrich

 

Beruf:  Kaufmann

 

Versorgungsklasse III

 

Evangelisch, ledig, ehelich geboren

 

Wohnort: Besigheim

 

Staatsangehörigkeit: Deutsch

 

Geburtstag: 12. Januar 1909

 

Alter: bei Erkrankung: 19 Jahre, bei Aufnahme 26 Jahre

 

Aufnahme am 12. November 1935 zum 2. Male ohne vorherige Genesung auf Ansuchen der Angehörigen

 

Austritt den 16. Juli 1940, ungeheilt, verlegt

 

Diagnose: Schizophrenie

 

Erblichkeit:  + (geisteskrank: Mutter, Verwandte des Vaters, Verwandte der Mutter)

 

Körpergewicht  76,0 kg

 

Körperlänge  1,75 m

 

Augenfarbe  blaugrau

 

Haarfarbe  dunkelblond

 

Hautfarbe  blass

 

 

 

Archiv der Universität Tübingen:

 

Laut Krankenakte der Universitäts-Nervenklinik Tübingen war Heinrich Bauer dreimal stationär in der Nervenklinik Tübingen. Das ärztliche Gutachten vom 3. August 1928 ist sehr ausführlich. Der Arzt kommt zu folgender Beurteilung: „Es handelt sich bei Heinrich Bauer um eine in die Gruppe der Schizophrenie gehörige geistige Erkrankung. Die Prognose der Erkrankung ist zweifelhaft. Ob die Berufsfähigkeit wieder gewonnen werden kann, ist heute noch nicht mit Sicherheit vorauszusagen. Für die weitere Behandlung kommt nur eine für Geisteskranke eingerichtete Anstalt in Frage. Wenn die Besserung der letzten Zeit anhält, werden wir jedoch den Kranken nach Hause entlassen.“

 

Tatsächlich wird Heinrich Bauer am 14. August 1928 nach Hause entlassen.

 

Am 7. Juli 1930 schreibt er von Besigheim aus einen Brief an Oberschwester Marie (Nervenklinik Tübingen):

 

„Liebe Oberschwester Marie!

 

Sie werden entschuldigen, dass ich Ihre liebe Einladung noch nicht in die Tat umgesetzt habe. Aber das hängt leider mit meiner Gesundheit zusammen. In den offenen Geschäften hat man ja am Samstag immer viel zu tun – Gott Lob -. Da bin ich abends oft so müde, dass ich gar nicht ans reisen denken mag. So ist mir dann der liebe Sonntag eine rechte Ausspannung.

 

Wie geht es Ihnen liebe Schwester Marie?

 

Sind auch die andern Schwestern & Herr Dr. Heidenhein noch da & wohlauf?

 

Im Geschäft geht’s soweit ganz gut, blos macht man im Einkauf auch allemal wieder Fehler, die einen herunterhalten. So kann ich meine Arbeit gut besorgen, aber bei Überanstrengung werde ich oft etwas untereinander. Ich gehe täglich abends ins Bad. Die Eltern sind heute verreist….“

 

 

 

Ende August 1930, eineinhalb Monate später, wird er erneut stationär in die Nervenklinik in Tübingen aufgenommen. Er bleibt dort bis November und wird wieder nach Hause entlassen.

 

 

 

Die dritte Aufnahme erfolgt im Januar 1931. Er selbst bittet um Aufnahme in die Nervenklinik. Sein Zustand hat sich sehr verschlechtert. Am 13. Februar 1931 ist in seiner Akte vermerkt: „…er ist sehr unruhig, läuft ängstlich im Saal umher, lacht abrupt vor sich hin. Er grimassiert heftig.“

 

Eintrag am 15. März 1931: „Patient ist seit 2. März auf der Unruhigen Abteilung, größtenteils im Dauerbad. Ein Kontakt ist mit ihm nicht zu gewinnen.“

 

Eintrag am 18. März 1931: „Überführung in die Heilanstalt Weinsberg.“

 

 

 

In der Heilanstalt Weinsberg bleibt er bis Juni 19. Juni 1934. Als „gebessert“ wird er nach Hause entlassen.

 

 

 

Im November 1935 wird er erneut (zum zweiten Male) auf Ansuchen der Angehörigen in Weinsberg aufgenommen. Er wird Besigheim nicht wieder sehen.

 

 

Heinrich Bauer ist nicht in Sonnenstein/Sachsen gestorben und auch nicht am 31. Juli 1940.

 

Bei dem angegebenen Todesort Sonnenstein/Sachsen und dem Todestag  31. 7. 1940  handelt es sich um Fälschungen der Täter.

 

Im Krankenblatt der Heilanstalt Weinsberg steht unter Austritt „verlegt“ und das Datum 16. Juli 1940. Im Transportkalendarium des Dokumentationszentrums Grafeneck ist für diesen Tag, 16. Juli 1940, eine Deportation von Weinsberg nach Grafeneck verzeichnet.

 

 

 

HEINRICH BAUER

 

wurde am 16. Juli 1940 von der Heilanstalt Weinsberg

 

in die Tötungsanstalt Grafeneck deportiert.

 

Er wurde in Grafeneck noch am selben Tag vergast.

 

 

 

 

 

Für Heinrich Bauer verlegte Gunter Demnig am 19. September 2012 in der Hauptstraße 19 einen Stolperstein. Der Verein Wartesaal – Kultur in Besigheim übernahm die Patenschaft für den Stein.

 

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Margit Stäbler-Nicolai, Ilsfelder Str. 15, 74354 Besigheim

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